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Spektrum-e:
Warum sollten in der Zahnmedizin weniger Antibiotika verwendet werden?
Dr.Kullmann:
Antibiotika sind in der Medizin unverzichtbar. Sie bekämpfen bakterielle Infektionen und haben unzählige Leben gerettet. Doch ihr übermäßiger und oft unnötiger Einsatz führt zu ernsthaften Problemen – insbesondere zur Entstehung von Antibiotikaresistenzen.
Auch in der Zahnmedizin werden Antibiotika häufig eingesetzt, obwohl sie nicht immer notwendig sind. Gleichzeitig gibt es so gut wie gar keine Forschung zur Entwicklung neuer Antibiotika. Bei der hohen Vorkommen von Antibiotikaresistenzen gehen da der Medizin langsam die Waffen aus: weltweit sterben rund 1,3 Millionen Menschen an solchen Keimen. Wenn man die Fälle mit einbezieht, bei denen Antibiotikaresistenz ein Cofaktor ist, liegt die Zahl sogar bei etwa 4,9 bis 5 Millionen Todesfällen pro Jahr.
Spektrum-e:
Wie entstehen Resistenzen?
Dr.Kullmann:
Antibiotikaresistenzen entstehen, wenn Bakterien durch wiederholte oder unangemessene Antibiotikagaben eine Anpassung entwickeln. Dadurch verlieren Medikamente ihre Wirksamkeit, und die Behandlung von Infektionen wird erschwert, oder – im ungünstigsten Fall – unmöglich gemacht.
Besonders problematisch sind multiresistente Keime (z. B. MRSA, ESBL) – Diese Bakterien sind gegen mehrere Antibiotika unempfindlich und stellen eine große Herausforderung in der Medizin dar.Ferner ist festzuhalten, dass durch Natürliche Selektion – aufgrund des unsachgemäßen Einsatz von Antibiotika – die widerstandsfähigsten Bakterien überleben, während empfindliche Stämme absterben.
In Deutschland werden jährlich fast 40 % aller Antibiotika in der Zahnmedizin verordnet, oft ohne dass eine bakterielle Infektion sicher nachgewiesen wurde. Die Zahnmedizin könnte somit eine Schlüsselrolle bei der Bekämpfung von Antibiotikaresistenzen spielen.
Spektrum-e:
Wann sind Antibiotika in der Zahnmedizin überflüssig?
Dr.Kullmann:
Meines Erachtens verschreiben viele Zahnärzte Antibiotika als Vorsichtsmaßnahme oder zur Prophylaxe, obwohl dies nicht immer medizinisch gerechtfertigt ist. Typische Fälle, in denen Antibiotika häufig unnötig sind:
Unkomplizierte Zahnentfernungen – In den meisten Fällen reicht eine gute Wundhygiene aus.
Normale Wurzelkanalbehandlungen – Antibiotika helfen hier nicht, da die Infektion im Zahninneren durch mechanische Reinigung beseitigt werden kann.
Zahnfleischentzündung (Gingivitis) – Diese kann meist durch verbesserte Mundhygiene und professionelle Zahnreinigungen behandelt werden.
Abszesse ohne systemische Symptome – Lokale Drainage und Desinfektion sind oft ausreichend.
Fazit: In vielen zahnmedizinischen Fällen helfen Antibiotika nicht oder nur minimal, erhöhen aber das Risiko für die Etabliereung von Resistenzen.
Spektrum-e:
Wann sind Antibiotika in der Zahnmedizin tatsächlich notwendig?
Dr.Kullmann:
Da kommen mir ad hoc folgende Indikationen in den Sinn:
Schwere bakterielle Infektionen mit systemischen Symptomen – Wenn hohes Fieber, Schüttelfrost oder eine Sepsis vorliegen.
Ausgedehnte Kieferinfektionen oder tiefe Abszesse – Besonders, wenn eine Drainage allein nicht ausreicht.
Prophylaxe bei Risikopatienten – Bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem (z. B. nach Organtransplantationen oder mit Herzklappenerkrankungen).
Bestimmte Implantat- und Knochenaufbauverfahren – Hier kann eine gezielte, kurze Antibiotikatherapie sinnvoll sein, um Infektionen zu vermeiden.
Spektrum-e:
Gibt es auch Alternativen zu Antibiotika?
Dr.Kullmann:
Die moderne Zahnmedizin setzt zunehmend auf nicht-antibiotische Therapien, um Infektionen zu vermeiden:
Verbesserte Mundhygiene und Prävention – Regelmäßiges Zähneputzen, Zahnseide und professionelle Zahnreinigungen können viele Infektionen verhindern.
Minimalinvasive Behandlungen – Statt einer Antibiotikagabe kann oft eine frühzeitige chirurgische Intervention helfen.
Mikrobiologische Diagnostik vor Antibiotikagabe – Statt Breitbandantibiotika könnte eine gezielte Therapie auf Basis eines Keimnachweises erfolgen.
Probiotika zur Förderung eines gesunden oralen Mikrobioms – Sie könnten helfen, das natürliche Gleichgewicht im Mundraum zu stabilisieren und Infektionen vorzubeugen.
Zahnärzte sollten hier Verantwortung übernehmen, indem sich jeder Zahnarzt fragen sollte Ist das Antibiotikum wirklich notwendig?
Auf der anderen Seite müssen Patienten verstehen, dass Antibiotika nicht gegen Viren oder Schmerzen helfen.Organisationen wie die DGZMK (Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde) haben klare Richtlinien entwickelt, wann Antibiotika wirklich notwendig sind.
Spektrum-e:
Fazit: Weniger ist mehr! Der übermäßige Einsatz von Antibiotika in der Zahnmedizin ist ein ernstzunehmendes Problem, das zur weltweiten Antibiotikaresistenz beiträgt. Viele Infektionen können durch mechanische Reinigung, antiseptische Maßnahmen und eine gute Mundhygiene vermieden oder behandelt werden.
Durch den bewussten und reduzierten Einsatz von Antibiotika kann die Zahnmedizin einen entscheidenden Beitrag zur globalen Gesundheit leisten, jetzt und für zukünftige Generationen.
Dr.Kullmann:
Dem ist nichts entgegen zu setzen!
Spektrum-e:
Danke für Ihre Zeit